Predigt für den 24. Mai 2020

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Veröffentlicht am So., 24. Mai. 2020 10:00 Uhr
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Predigt Joh 16, 5-15

24.5.2020 Sülldorf-Iserbrook

Pastor Fabio Fried



Predigttext Joannes 16, 5-15:

Das Werk des Heiligen Geistes

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. 15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt es von dem Meinen und wird es euch verkündigen.



Liebe Gemeinde,

eine junge Frau sitzt am Elbstrand. Der alte Leuchtturm ragt über ihr auf. Sie hat die Schuhe ausgezogen und hält die nackten Füße ins Wasser. 

Eine Träne rinnt ihr über die Backe  - und sie lächelt.

Ob sie traurig oder glücklich ist? Schwer zu sagen. Eigentlich beides gleichzeitig, auf sehr intensive Art und Weise.

Traurig ist sie, weil ihr Vater ihr fehlt, der früh gestorben ist. Sie war noch ein Teenager als er ihr das erste mal von seiner Krankheit erzählt hat. Das war auch hier am Elbstrand. Zu zweit sind sie hier spazieren gegangen, mit den nackten Füßen im Wasser. Und natürlich tat es sehr weh, als er gegangen ist. Es tut heute noch weh.

Doch gleichzeitig hat mit dem Tod ihres Vaters etwas neues begonnen. Sie begann einen Trost zu spüren, der sie seitdem begleitet. Es ist ein Gefühl, schwer zu beschreiben. Doch irgendwie hat sie das Gefühl, dass ihr Vater immer noch bei ihr ist. Auf andere Art und Weise. Hier am Elbstrand spürt sie es ganz besonders…

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Ein junger Mann sitzt zusammen mit seinen Freunden in einem Haus in Jerusalem. Er weiß, dass die Zeit, die ihm zusammen mit den anderen noch bleibt, am Verrinnen ist. Bald muss er sie verlassen. Er spürt, wie traurig die anderen darüber sind. Und dann sagt Jesus:

„Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“

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Damit beschreibt Jesus genau die Zeit und trifft die Gefühlslage, in die dieser Sonntag im Kirchenjahr fällt. Die Himmelfahrt Jesu ist schon geschehen.

Jesus ist nicht mehr als Mensch auf der Erde zu finden, die Jünger bleiben ohne ihn zurück. Ich stelle mir vor, dass das zunächst eine riesige Enttäuschung für die Jünger gewesen sein muss: So eine unglaubliche Zeit hatten Sie gemeinsam mit Jesus erlebt. Sie hatten ihr altes Leben einfach zurückgelassen, waren mutig und frei durch die Länder gewandert, und hatten erzählt von Gottes Liebe, die alles auf der Welt verändert - nicht zuletzt uns selbst. Sie hatten Worte gehört, die ihnen noch keiner so gesagt hatte und sahen sogar Wunder geschehen. Und nicht wenige träumten davon, dass das Reich Gottes gleich hier auf er Erde anbricht - mit Jesus als König. Und dann das: Jesus verabschiedet sich am Himmelfahrtstag endgültig. 

Warum ist der Himmelfahrtstag eigentlich ein Feiertag?

Auch wir haben den Tag in unserer Gemeinde mit einer großen Himmelfahrtsaktion fröhlich begangen. Auf Ballons haben wir geschrieben, was wir zum Himmel steigen lassen möchten. Es gab wunderschöne Musik von unseren Kirchenmusikern, die Sonne strahlte auf die Kirchwiese und von klein bis groß gab es viele glückliche Gesichter.   

Aber passt das überhaupt?

Gibt es an diesem Tag des Abschieds Grund zu feiern? Welche Verheißung liegt darin?

Die Verheißung von Himmelfahrt liegt in dem Versprechen, das Jesus seinen Jüngern in unserem Predigttext macht: 

Wenn ich gehe, kommt der Tröster zu euch!

Und Jesus geht sogar so weit, dass er sagt: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Eben weil der Tröster dann kommt.

Jesus beschreibt damit eine Lebenserfahrung, die viele im Kleinen selbst machen, nachdem sie sich von einem geliebten Menschen verabschieden mussten. In der ganzen Trauer, dem ganzen Vermissen, dass der endgültige Abschied mit sich bringt, gibt es manchmal auch diese Momente eines besonderen Trostes. In manchen Momenten kann uns ein Mensch, der uns verlassen hat, trotzdem so nah sein, als ob er noch da wäre.

So ähnlich beschreibt Jesus die Erfahrung, die die Menschen nach seinem Abschied machen werden. Er nennt dieses Gefühl der Nähe den „Tröster“ oder auch den „Geist der Wahrheit“ 

Dabei geht es nicht um Kitsch: Nein, es ist nicht dasselbe, ob ein Mensch noch lebt oder gestorben ist. Keine Frage.

Es geht allerdings um eine Verbindung, um einen Trost, den es eben trotzdem gibt, oder vielleicht auch wegen des großen Vermissens.

Mit Blick auf die Jesusgeschichte können wir heute feststellen: Tatsächlich ist seit Jesus Worten damals so einiges Wasser den Berg runter geflossen.  Seine Ankündigung ist wahr geworden. Die Geschichte der Christinnen und Christen war mit dem endgültigen Abschied Jesu am Himmelfahrtstag nicht zu Ende. 

Im Gegenteil: Sie ging gerade erst los!

Zuerst machten die Jünger eine Erfahrung: Unser Leben hat sich verändert. Die Erfahrungen mit Jesus und das, was er uns von Gott erzählt hat, bleiben. Denn sie haben uns verändert. 

Wir spüren auch jetzt seine Nähe. Dann merkten sie: Diesen Schatz wollen wir nicht für uns behalten. Sie erzählten die gute Nachricht weiter. So wird sie weitergegeben von Generation zu Generation: Bis heute.

Und dann? Dann kam wohl noch der Geist dazu, den Jesus uns versprochen hat: Der „Tröster“, der „Geist der Wahrheit“.

Der Geist Gottes schafft Verbindung, das ist sein Geheimnis. Er bricht harte Herzen auf, so wie Jesus es auf beeindruckende Art und Weise tat, als er auf der Erde lebte. Der Geist stellt sich den Zweifeln entgegen, nicht zuletzt unseren Selbstzweifeln. Er ermöglicht Verbindung und Verstehen zwischen ganz unterschiedlichen Menschen. Deshalb gilt das Pfingstfest, das wir am nächsten Sonntag feiern werden, auch als Geburtstag der Kirche. Durch den Geist Gottes können Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit gemeinsam in Gottes Namen Kirche sein.

Darin liegt auch eine Herausforderung. Denn das Evangelium ist eine Botschaft, die jeden, der an sie glaubt, verändert. Jesus sagt, der Geist wird uns die Augen öffnen, und zwar für die Sünde, die Wahrheit und das Gericht.

Das Wort „Sünde“ ist uns heute fremd geworden, etwas verständlicher ist für viele heute noch der Begriff „Schuld“.

Denn es liegt eine tiefe Wahrheit in der Feststellung, dass wir alle in schuldhafte Zusammenhänge verwickelt sind. Sei es im persönlichen Leben - wer ist da nicht schon einmal an jemandem schuldig geworden? - aber auch durch das gesellschaftliche Leben, in das wir hineingeboren werden. Wir wissen, dass unser Wohlstand darauf aufbaut, dass Menschen in den Ländern der dritten Welt unter oft menschenunwürdigen Bedingungen unsere Waren herstellen. Wir wissen auch, dass wir mit unserem Lebensstil einen Raubbau an der Natur betreiben. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Seit jeher haben auch Christinnen und Christen benannt, was in der Welt geschieht, und begonnen zu handeln. Denn der Geist Gottes, der Geist der Wahrheit, führt nicht in die Depression, sondern in die Aktion. Mit dem Tröster an unserer Seite können wir ja sagen zum Leben und uns dafür einsetzen. Der Geist der Wahrheit kann auch ein Geist sein, der uns die Dankbarkeit lehrt: Der uns die Augen öffnet für die Schönheit und Liebe, die uns umgibt.

Wir sind geliebte Kinder Gottes. Aus dieser Liebe können wir selbst lieben. Unsere Gaben verschenken. Als Entdecker die Gaben der anderen finden. Und in der Gemeinschaft zusammen leuchten. 

Was für ein Trost - was für ein wunderbarer Geist! 

 Amen.

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