Predigt für Sonntag 21. Juni 2020

© Christian Carstens
Veröffentlicht am Sa., 20. Jun. 2020 16:00 Uhr
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Die Lesung für Sonntag, den 21. Juni:

Matthäus 11, 25- 30

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.

26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. a

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus.


Liebe Gemeinde,

kommt her zu mir alle! Einladende Worte klingen in diesem Gottesdienst an. Hinzukommen sollen wir. Allein der Gedanke, dass Jesus Menschen sammelt, stellt eines unserer ureigensten Bedürfnisse dar: der Austausch, der Bezug zu all den anderen.

Unsere Kirche dürfen wir nach Pfingsten als Gemeinschaft schlechthin sehen, in der das gelebt wird. In dieser Zeit aber stellt dieser Gedanke einen Gegensatz dar. Unersetzlich bleibt er trotzdem. 

Ich glaube, liebe Gemeinde, wir alle merken hinter der Maske, was uns gerade fehlt. Oft fragte ich mich in der letzten Zeit, wie meinem Gegenüber zu Mute ist- traurig oder lachend? An den Augen konnte ich noch viel ablesen. Wenn allerdings die Sonnenbrille hinzukommt, hat das schon etwas Kurioses. Bei Videokonferenzen erkenne ich das häufig noch besser- nur, dass ich dann eben nicht richtig trösten kann. Versteckspiel! Vieles, was auf uns lastet. Praktisch, dass die Maske da einiges verbirgt, für manche zumindest. Sein wahres Gesicht nicht mehr zeigen müssen.  Jesus sucht seine Mitmenschen und ruft sie zusammen: kommt! Er will sie sehen und sammelt sie. Gerade die, die schwer zu tragen haben, mühselig und beladen sind, abgegrenzt und überlastet. Wir kennen das: etwas schultern, die Last auf meinen Schultern, du hast Rücken. Gerade, liebe Gemeinde, zuletzt, wo viele in Schwierigkeiten stecken, zu viel zu meistern haben, tun diese Worte gut. Ich bin sanftmütig, wohlwollend. Meine Last ist leicht, mein Joch drückt nicht. Ich finde das wunderbar, heute zusammenzukommen und einmal in Ruhe sein zu dürfen.

Jesus allerdings wirft auch einen Blick voraus, auf sich selbst. Sein Kreuz, auch eine Redewendung, wird er noch tragen müssen und seine Last auf sich nehmen. Es ist die Sichtweise des Christentums, unseres Glaubens, ein Kreuz anzunehmen, Lasten nicht zu verdrängen- aber hinter ihnen Neues und Gutes zu sehen.

Da ist stets dieser Gang von Karfreitag bis hin in den Ostermorgen. Wir dürfen Hoffnung doch aussprechen, wir brauchen nicht zu weichen, wenn etwas zu schwer wird. Selbst dann stehen wir füreinander ein. Das war und ist das Faszinierende für die Jüngerinnen und Jünger, für Christinnen und Christen auch in der Gegenwart.

Genau sich hier zusammenzufinden, einander ins Gesicht zu schauen und zu wissen, wie es geht. Das heißt auch, sich nicht zu verstecken oder wegzuduken. Lasten teilen, nicht verschweigen. Kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid!

Ich hätte, liebe Gemeinde, oder würde gerne wissen, was sich auch ganz aktuell gesehen hinter mancher Maske versteckt. In den Arm nehmen, das hätte in der letzten Zeit nicht funktioniert. Aber die Maske verbarg vieles. Vom Verbergen, Verhüllen und Verschweigen spricht Jesus auch. Ich preise dich, Gott, der Vater des Himmels und der Erbe, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen hast. Den Unmündigen aber hast du alles offenbart.

Die noch nicht Mündigen, die unter 18, hier im Text aber sind  die Kinder gemeint. Sie sind gemeint. Genau sie aber kamen nicht zu Wort. Keine Freunde sehen, kein Spielplatz, stiller gefährlicher Träger dieses Virus. Ja, so war das. Meine Tochter wurde auch stiller, saß bisweilen alleine auf der Sandkistenkante im Garten. Ich bin traurig, wütend, Papa. In den Arm nehmen tat dann gut, liebe Gemeinde, und sie zeigte mir, wann sie es brauchte. Danke an diese sprachfähigen  Kinder. Ich glaube, liebe Gemeinde, die Kinder waren die-  ganz ernst gemeint- wirklich Einzigen, die wirklich sagen konnten und durften, wie sie alles empfanden. Vielleicht haben wir Größeren das gespürt. Interessant war für mich, dass im März die whats app- Gruppen überliefen mit Tipps, wie man Kinder unterhalten kann, was sie effektiv lernen können. 

Gelernt, liebe Gemeinde, haben wir hoffentlich reichlich von ihnen. Jesus spricht an, dass genau ihnen all das, Gottes Herrlichkeit, seine Wunder, offenbart werden. Genau die Kinder zeigen offen und ungehemmt, wie es in ihnen aussieht. Durch sie habe ich gesehen, wie die letzte Zeit auch für uns wirklich war. Einige waren wütend, andere freuten sich, endlich einmal Papa und Mama um sich zu haben. Mal so, mal so, aber ehrlich von ganzem Herzen.

Wir hingeben, liebe Gemeinde, können das kaum. Hinter der Maske verbirgt sich manches. Die Angst von uns Großen um die eigene Existenz ist gegeben. Sorgen auch um die familiäre Situation. Zähne zusammenbeißen, Maske- auch sinnbildlich gesehen- aufsetzen und stark für andere sein.

Das mit der Maske galt aber auch schon lange Zeit vor dem Virus. Jesus spricht die Weisen, Klugen an, die, die alles abwiegen. Gerade während der letzten Zeit mussten wir vernünftig sein und Abstand halten.

Aber auch vorher gab es da oft eine Distanz zu den eigenen Gefühlen. Im Beruf Beherrschung, Pokerface und ein klares Auftreten. Es galt, nie krank zu sein oder schwach. Bitte nicht kichern, oder albern sein! Stattdessen: verbindlich und seriös. Es hieß: die Mitte zu halten und lösungsorientiert zu denken. Die Trauer war bei Verlusten unerwünscht und wurde als Zeichen der Schwäche ausgelegt. Wie viele Tage stehen einem im Trauerfall zu? Nein, liebe Gemeinde, das ist keine Welt für Kinder, keine offene Welt. Alles so portioniert, abgewogen und bedacht bis zuletzt. 

Jesus hingegen verspricht uns, dass Gott sich zeigen will. Sein Reich, seine Herrlichkeit will durchbrechen- entgegen manchen Verstandes. Schnell heißt es da: Nicht zu viel versprechen, nicht euphorisch sein und vorsichtig in der Hoffnung zu bleiben. Keine Aussage frühzeitig treffen. Doch Jesus redet davon, gerade zu uns, liebe Gemeinde, zu uns, die hinter der Maske viel zu schultern haben. Nur, all das zu zeigen, wäre schwierig. Ich glaube aber, dass wir das brauchen- spätestens für die Zeit nach dem Virus. Wir können von den Kleinsten lernen, die doch in der Weise mündiger sind als wir.

Vielleicht sollten wir dann einfach traurig sein, weinen, sagen, was sehr vermissen. Wir sollten den Arm anderer suchen, ihn schenken, Gefühle zeigen und diese teilen dürfen. Wir brauchen als Menschen Freude, Zuversicht, und Begeisterung nach Pfingsten, um einen Aufbruch zu ermöglichen. Das geht nur, wenn wir das kontrolliert- disziplinierte Mittelmaß nicht mehr zum Alltag machen und uns endlich seelisch demaskieren.

Einander ins Gesicht zu schauen und das, was wir sehen, ehrlich und vertrauenswürdig zu teilen, ist Grundlage. Wir müssen uns sagen dürfen, wie es geht, wo wir stehen und was wir im Inneren wieder wünschen. Das offenzulegen, heißt auch die Unmündigkeit des Herzens zu beenden und zu trösten, zu ermutigen, frei zu lachen. Dann wird Gott uns allen, so das Versprechen von Jesus, alles offenbaren!

Amen 

Pastor Christian Carstens

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