Predigt für Sonntag, den 19. Juli 2020

© Christian Carstens
Veröffentlicht am Sa., 18. Jul. 2020 17:00 Uhr
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Lesung und Predigt für Sonntag, den 19. Juli 2020:

 

5. Mose 7, 6- 12

6Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.

7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,

8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Verheißung des göttlichen Segens

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus.


Liebe Gemeinde,

mitten im Sommer, in den Ferien, die Seele einmal baumeln lassen! Vielleicht noch zaghaft. Denn: vorsichtiger sind wir geworden. Die meisten bleiben im Lande, aber doch laue Sommernächte auf Terrassen, Balkons. Einfach einmal in die Sonne legen. Entspannung tut gut nach diesem Frühjahr. Ein wenig Erholung und ein Durchatmen nach der Anspannung.

Erlösung ist ein schönes Stichwort. Erlösung erfährt auch das Volk Israel nach 40 Jahren der Unfreiheit in unserem Predigttext im Alten Testament. Er bricht aus Ägypten auf. 

Der Schreiber des Fünften Buches Mose wendet sich an sein Volk und erinnert an den Auszug, an die Loslösung von den Unterdrückern. Immer wieder führt sich das Volk Israel diese Tage vor Augen und erinnert an seine frühe Geschichte. Bis heute wird weltweit das Passahfest gefeiert, um all dem zu gedenken. Zweifelsohne durchleben wir alle, liebe Gemeinde, weltweit eine historische Zäsur in diesen Frühjahrsmonaten- bis jetzt. Eine Krankheit, die nicht schnell ergründbar ist, ganze Staaten heimsuchte und Menschen sterben ließ. 

Das, was sich nach vorigen Jahrhunderten anhört, traf uf unsere Gegenwart, die dem teilweise nicht gewachsen war. Ein Stillstand, der Existenzen vernichtet, Menschen in ganz substantielle Not bringt und Folgen einer Krankheit, die lange nicht ausgestanden sind und deren Betrachtung jetzt bei uns liegt. Sie traf zunächst die Älteren, die Schwachen und viele stellten die Jüngsten, die Kinder, als Gefahr und Überträger dar. Auch von dieser Sichtweise werden wir uns erholen müssen.

Der Verfasser dieses letzten Buches Mose, er blickt ebenso zurück auf die Vergangenheit. Folgerungen lässt er aufkommen, wenn auch zwischen den Zeilen. Wie blickt sein Volk auf diese Tage damals? Ein heiliges Volk bist du deinem Gott. Dich hat der Herr erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Ja, liebe Gemeinde, große Worte: heilig, besonders, herausgestellt. Nur, einbilden konnte sich niemand etwas darauf: Gott, der Herr, hat euch angenommen und erwählt- nicht, weil ihr größer wäret als alle Völker, denn du bist das kleinste Volk unter allen. 

Unverdient gerettet, befreit könnte ich sagen! Es war keine Eigenleistung. Das Volk: klein und schwach. Ich frage mich: welche Selbstwahrnehmung haben wir und werden wir haben, wenn wir auf das Frühjahr, auf diese Zeit zurückblicken. Vieles scheint zumindest hier überstanden, zahlreiche Tote gibt es in anderen Teilen der Welt. Aber was sind oder werden besser gesagt die Stimmen im Rückblick auf Corona verlauten lassen? Eine globalisierte Welt steckt das irgendwann weg, schafft die Trendwende? Oder wird es womöglich längerfristig zu einer Hinterfragung des Systems kommen, in dem diese Welt organisiert war? 

Gott, der Herr, hat euch angenommen, weil ihr das kleinste Volk ward, weil er euch geliebt hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft.

Knechtschaft, liebe Gemeinde, noch so ein Wort. Selbstbestimmt waren wir nicht und gerade die Zukunft wird zeigen, inwieweit noch Einschränkungen nach der Krankheit nötig sind. Dabei gab es scheinbar keine Grenzen mehr, vor allem für Waren weltweit, für reisende Abenteurer aber auch war individuelle Freiheit gegeben und die große Möglichkeit oft nur eine Frage des nötigen Kleingelds. Alles konnte man sich leisten und sich eingrenzen lassen: Nein, danke!

Lange schon hatte die globalisierte Gegenwart das Recht des Särkeren artikuliert und überall setzte sich dies als alternativloses System durch. Jede und jeder wurde einsortiert und bewertet. Triumph, Stärke und Weltordnung schienen einher zu gehen. Immer mehr, noch billiger, immer weiter und schneller. 

Rasant nutzte auch das Virus diese Verbindungen und die daraus erwachsenen Konsequenzen. Kaputt gesparte Gesundheitssysteme im Süden kollabierten und kleine regionale Unternehmen, die sorgfältig haushalten mussten, traf es.

Nicht, weil ihr größer wäret als andere Völker, so lesen wir.

In dem Land, das sich als neue Weltmacht bezeichnet, begann das Virus seinen Lauf und hinterfragte in Windeseile die Größe und die Macht, die unsere Welt bisher für sich beanspruchte. 

Bei mir, liebe Gemeinde, lässt das viele Fragen aufkommen und noch etwas: dieses starke Gebilde offenbarte seine Schwächen und ist als Weltordnung auf Stützen angewiesen. Finanzen in Schwindel erregenden Höhen wurden und werden mobilisiert. Es ist erbarmungswürdig! Der Schreiber des fünften Buches Mose möchte sein Volk herausführen aus der Knechtschaft. Ein geliebtes Volk, das Gottes Barmherzigkeit erfährt, ein Volk, das Gott heilig heißt. Klein- aber angenommen aus ganzem Herzen. Hatte so etwas in unserer Welt Gültigkeit? 

So viele standen in der globalen Rangordnung schon ganz unten. Schlecht bezahlt, alt, ungebildet oder eben noch einfach nur Kind. Die Krankheit hingegen hat die Verhältnisse umgekehrt. Gott liebt sein Volk nicht, weil es groß und mächtig ist. Diesen Blick hatten wir verlernt, wobei genau das für mich in unserer Zeit zählt. Liebe und Ansehen ohne Beweggründe und Kalkül- ganz frei. 

Was wären wir gewesen ohne Krankenschwestern in Kliniken, ohne Verkäuferinnen an der Kasse und all die diejenigen vielen, die alles am Leben erhielten und trotz großer Angst über ihre Grenzen gegangen sind und unter härtesten Bedingungen arbeiten. Vieles ist durch sie geworden, an denen gespart wurde und deren Löhne gedrückt wurden. Was wäre es geworden ohne die vielen ehrenamtlichen Hände auch hier in der Gemeinde, die ihre Nächsten fraglos unterstützten in einem System, was früher alles bezahlt wissen wollte und zur Kasse bat und Menschen oft nur zum Nächsten machte, wenn es profitabel schien. 

In einem System, das Zuneigung und Sozial als ineffizient und träumerisch brandmarkte. Unser Blick schweift jetzt über vieles, was vorher nicht galt.

Nun ist es Gottes Herz, das all diese ein geliebtes, heiliges Volk nennt, mitten in einer Welt, in Gesellschaften, die sich künftig genau überlegen müssen, welche Knechtschaft es noch gilt es zu überwinden und was Befreiung heißen kann.

Amen 

Euer/ Ihr

Pastor Christian Carstens

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