Predigt "Was ist meine Aufgabe im Leben" für den 9.8.2020

Predigt "Was ist meine Aufgabe im Leben" für den 9.8.2020
Veröffentlicht am So., 9. Aug. 2020 18:19 Uhr
Neuigkeiten

Predigt „Was ist meine Aufgabe im Leben?“ 

Gottesdienst am 9.8.2020

auf der Kirchwiese der St. Michaelskirche Sülldorf



Predigttext:

Jeremias Berufung

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.



Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. (Offb. 1,4)

„Ich bin zu jung“! Das sagt nicht etwa ein Kind, das noch nicht alleine mit dem Fahrrad losfahren darf. Das sagt der berühmte Prophet Jeremia.

Wer war Jeremia, den wir heute eigentlich nur noch mit dem Beinamen der Prophet Jeremia kennen?

Jeremia lebte vor ungefähr 2.500 Jahren in dem kleinen Landstrich Juda, der rund um die Berge Jerusalems lag. Die Menschen in Juda hatten es schwer. Die deutlich stärkeren Nachbarn Ägypten und Babylon fielen in das Land ein, verschleppten die Bevölkerung, und schließlich wurde sogar Jerusalem zerstört. In dieser Zeit also soll sich Jeremia als Prophet für Gott stark machen und bennen, was im Land schief läuft. Wohlgemerkt: Für seinen Gott. Denn die Ägypter und Babylonier glaubten an andere Götter.

Ich kann verstehen, das Jeremia das Herz in die Hose gerutscht ist!

„Ich bin zu jung“. Oder auch: „Ich bin zu klein. Diese Aufgabe ist zu groß für mich. Da fehlt mir das nötige Wissen, das Rüstzeug. Das soll bitte jemand anderes machen.“ So oder so ähnlich hat sich wohl fast jeder schon mal gefühlt als er vor einer großen Aufgabe stand. 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie es war, als ich während meiner Ausbildung als Pastor das erste mal in der Lübecker Marienkirche predigen sollte, die Kirche ist eine große Kathedrale. Da ist mir das Herz nicht nur in die Hose gerutscht, sondern hing noch viel tiefer. 

Wie geht es euch? Kennt ihr auch diese Momente, in denen wir denken: 

Warum ausgerechnet ich? 

Dafür ist doch bestimmt jeder andere besser geeignet.

Angst haben vor den Aufgaben, die uns gestellt sind: Ich glaube, das ist eine natürliche Reaktion, für die sich niemand schämen muss.

Mit ist das manchmal sogar lieber als diejenigen, die meinen sie wüssten und könnten alles.

Allerdings kann man natürlich auch andersrum vom Pferd fallen:

Indem man sich künstlich klein macht. Indem man immer nur die eigene Unsicherheit betont und pflegt, wenn man im Leben gefragt ist. 

Indem man mit dieser Begründung nicht tut, was wichtig und dran ist.

Für mich wäre das auch eine Beleidigung Gottes, der uns mit unseren Gaben und Möglichkeiten beschenkt hat.

Wie so oft im Leben sind wir gefragt die goldene Mitte zu finden.

Es muss ja auch nicht gleich jede und jeder ein Prophet werden. 

Prophet sein war ein hartes Brot, sie litten eigentlich alle unter ihrem Auftrag, so wie Jeremia. 

Doch wir haben gerade nochmal Glück gehabt: Der Beruf Prophet ist ja sowieso ausgestorben!

Oder doch nicht? Jede Zeit braucht ihre Mahner und Rufer. Ein Problem an der Sache ist allerdings:

Es sind fast immer die Unheilspropheten, die gehört werden. 

„Bad News are good news“ heißt ein Spruch aus der Medienbranche. Und tatsächlich: Katastrophale Meldungen werden von den Medien gerne aufgegriffen, weil Zeitungen mit solchen Aufmachern besonders viel gekauft und Internetartikel besonders oft angeklickt werden.

Dabei kann Prophetie viel mehr sein als das Verbreiten von Unglücksbotschaften.

Prophetie ist auch: Weiter sehen als das, was gerade ist. 

Aussprechen, was sein könnte. Wenn wir anders handeln. Ein ehrlicher Blick auf das, was in der Gesellschaft und Welt los ist, gehört dazu.

Doch echte Prophetie kann mehr: Sie erzählt uns, dass wir anders sein können und damit selbst an einer anderen Welt mitbauen. Prophetie macht damit einen Möglichkeitsraum auf - und plötzlich gibt es ganz viel Zukunft!

Deshalb brauchen wir unsere modernen Propheten. Journalisten, Schülerinnen und Schüler, Menschen in Nichregierungsorganisationen…

Ja, es sind viele, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. 

Sind sie zu jung? Sind wir zu klein, um etwas zu ändern?

Im Gegenteil. Gott spricht und handelt gerne durch die Machtlosen. 

So war es bei Jesus. Manche hat das Zeit seines Lebens gestört, manche stört es wohl noch heute. Da wurden so viele Hoffnungen in diesen Mann gesetzt, er sollte der neue König sein. Doch statt mit den Eliten zu tafeln setzte er sich zu den Sündern und Ausgestoßenen.

Als er dann nach Jerusalem kam haben viele einen triumphalen Einzug in die Stadt erwartet. Doch Jesus ritt auf einem Esel nach Jerusalem - eine Lachnummer. Und seinen Tod schließlich hat er nicht verhindert. Er wollte kein Schwert nehmen, sondern starb lieber den ehrlosen Tod am Kreuz.

So sollte es auch bei Paulus sein, der erzählt, dass er von anderen oft verlacht und für einen Narren gehalten wurde.

Gottes Liebe für die Machtlosen ist groß. Und die biblischen Geschichten erzählen uns immer wieder, wie sehr sich die Welt gerade durch die ändern kann, die denken, sie seien zu klein, zu jung oder zu schwach, um etwas zu ändern. Wenn, ja wenn diese dann eben doch loslegen.

Dieser selbstbewusste Zugang ist auch in der DNA von uns Protestanten fest verwurzelt. Denn schon Luther machte mit seinem Gedanken vom Priestertum aller Gläubigen deutlich, dass nicht nur die Pastoren, sondern alle Mitglieder der Gemeinde im Alltag predigen und Gott so die Ehre erweisen sollen.  

Nur wie Predigt man im Alttag? Mit Worten, das ist die eine Möglichkeit.

Ein bisschen Prophet kann jeder mal sein. Muss ja nicht gleich ein Vollzeitjob werden.

Doch schon Luther ging auch darüber hinaus:

Predigen, so sagt er, das tut man auch z.B. in seinem Beruf.

Als Handwerker, Bäcker, Krankenschwester, Lehrerin und natürlich auch in allen anderen.

Viele braucht es, damit unserer Gesellschaft funktioniert.

Ich glaube, wer aus der Perspektive des Glaubens in seinen Beruf geht, tut das auch mit einer anderen innern Haltung.

Der Gedanke vom Priestertum aller Gläubigen beinhaltet also nicht weniger als die ganz große Frage:

Was ist meine Aufgabe im Leben?

Bei Jeremia beginnt sein Prophetenamt, also seine Aufgabe im Leben, mit einem ganz besonderen Moment. Es ist eine intensive Gotteserfahrung: Gott selbst berührt ihn am Mund, so beschreibt unser Predigttext diese Erfahrung: 

Der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir. 

Eine zärtliche, liebevolle Geste. Ich glaube genau das brauchen wir für unseren Weg und unsere Aufgabe im Leben:

Gottes zärtliche Liebe, die uns stärkt und lebendig macht.

Denn mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.

Amen.

Pastor Fabio Fried